
Die angekündigte endgültige Einstellung der Nowaja Gaseta in Russland ist mehr als das Ende eines einzelnen Blatts: Sie zeigt, wie ein kritisches Medium durch aufeinanderfolgende staatliche Eingriffe aus dem öffentlichen Raum gedrängt werden kann. Europas Regierungen sollten diese Informationsabschottung deshalb nicht als bloße innerrussische Entwicklung behandeln, sondern als Verlust unabhängiger Quellen über Krieg, Gesellschaft und Macht.
Chefredakteur Sergej Sokolow erklärte am 30. Oktober, die Redaktion werde am 9. November ihre Räume verlassen und Server abschalten. Die Zeitung existiere dann nicht mehr. Nach Angaben der Nowaja Gaseta gingen dem voraus: eine einmonatige Räumungsfrist für das Moskauer Redaktionsgebäude, die Abschaltung des Systems für Leser-Spenden, eine Durchsuchung von Sokolows Wohnung und seine vorübergehende Festnahme.
Diese Vorgänge sind berichtete Fakten beziehungsweise von der Redaktion geschilderte Umstände; sie belegen nicht für sich allein, wer jede einzelne Entscheidung veranlasst hat. Doch ihr Zusammenhang mit bereits dokumentierten Maßnahmen ist schwer zu übersehen. Ein Moskauer Gericht entzog der Zeitung 2022 die Drucklizenz. Im September dieses Jahres wurde laut Sokolow die gesamte Redaktion als „ausländischer Agent“ eingestuft; zudem läuft ein Verfahren gegen den Korruptionsreporter Oleg Roldugin, dem illegaler Umgang mit personenbezogenen Daten vorgeworfen wird. Ihm drohen laut Bericht bis zu sechs Jahre Haft.
Der stärkste Einwand lautet, dass die vorliegenden Berichte keine ausführliche Stellungnahme russischer Behörden und keine vollständige Dokumentation der jeweiligen Verfahren enthalten. Daraus folgt: Es wäre unseriös, jeden Schritt ohne weitere Prüfung einer einzelnen zentralen Anweisung zuzuschreiben. Das Gesamtbild rechtfertigt dennoch ein klares Urteil. Wenn Lizenzentzug, Kennzeichnung, Ermittlungen, wirtschaftliche Blockaden und der Verlust von Redaktionsräumen ein Medium nacheinander treffen, ist die formale Existenz einzelner Verfahren kein überzeugender Beleg für eine freie Presse.
Die Nowaja Gaseta Europa, 2022 in Riga gegründet, bleibt laut Tagesschau bestehen. Offen ist, ob sie den Zugang zu Quellen und Publikum in Russland aufrechterhalten kann und ob die Behörden die Schließung am 9. November mit weiteren Maßnahmen begleiten.
Sources
- Tagesschau · Source date: 2026-10-30
- Deutsche Welle · Source date: 2026-10-30
- Der Spiegel · Source date: 2026-10-30
Independent editorial content. WUA is not affiliated with any political party. 2026-10-30